Johannes Jäger ist Torspielertrainer beim SSV Reutlingen und beschäftigt sich in seiner Bachelorarbeit mit der Videoanalyse von Torspielern. Im Interview gibt er spannende Einblicke dazu, wie er die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit beim SSV Reutlingen anwendet.

SSV Reutlingen: Hallo Johannes. Danke, dass Du Dir Zeit genommen hast, Dich unseren Fragen zu stellen. Stell’ Dich doch bitte kurz vor und erzähle uns, wie Du zum SSV gekommen bist.

Johannes Jäger: Danke auch von meiner Seite dafür, dass ich mich und meine Arbeit beim SSV hier vorstellen darf. Ich bin 2017 als U18 Co-Trainer eingestiegen und als Torspielertrainer für die U12 bis U16 zuständig gewesen. 2019 bin ich dann aus der U18 wieder ausgestiegen und habe mich auf die Torspieler der U16 bis U19 konzentriert. Seit dieser Saison bin ich zusätzlich zusammen mit Stefan Kuchelmeister und Julian Hornberger für die erste Mannschaft zuständig. Dabei bezieht sich mein Aufgabenbereich vor allem auf die Spielanalyse, während die Kollegen in der Praxis hervorragende Arbeit leisten. Ich sitze da vorwiegend auf der Tribüne, erstelle Statistiken und sammle Videomaterial unserer Torspieler aus der ersten Mannschaft.

SSV: Hast Du denn selbst als Torspieler auf dem Platz gestanden?

Jäger: Ich bin selbst noch aktiver Torspieler und laufe aktuell für den SV Nehren in der Landesliga auf. Bereits in der Jugend habe ich immer diese Position gespielt, der große Durchbruch ist mir dabei aber leider verwehrt geblieben. Das war aber auch nie mein Anspruch. Ich habe immer schon gerne mit jungen Menschen, insbesondere mit Torspielern gearbeitet. So kam es dann letztlich auch zu meiner Tätigkeit beim SSV.

SSV: Was reizt Dich dabei besonders? Wieso hast Du Dich für den Bereich Torspieler entschieden?

Jäger: Ich glaube, dass die Rolle des Torspielers in vielerlei Hinsicht immer noch sehr unterschätzt wird. Wenn wir uns mit der Analyse im Fußball auseinandersetzen, ist oft die Rede von mannschafts- und individualtaktischen Besonderheiten und Auffälligkeiten auf dem Feld. Trotzdem wird der Torspieler noch zu häufig übersehen. Dabei nimmt er eine sehr wichtige Rolle ein, vor allem wenn es um das Verteidigen und Verhindern von Gegentoren geht. Ich finde, dass man dieser Position zunehmende Bedeutung schenken sollte, zumal der Torspieler ja mittlerweile nicht mehr nur der ist, der die Bälle rausfischt, sondern glücklicherweise immer mehr aktiv am Spiel teilnimmt. Das fasziniert mich auch in Hinblick auf die Möglichkeiten, die diese Position mit sich bringt. Daher habe ich mich im Rahmen meiner Trainertätigkeit auch darauf spezialisiert.

SSV: In dem Zusammenhang bist Du dann auch auf die Idee gekommen, hierüber Deine Bachelorarbeit zu schreiben, richtig?

Jäger: Genau, ich hatte die Möglichkeit, mich an der Uni Tübingen mit der Position des Torspielers zu beschäftigen und wissenschaftliches Arbeiten mit der Praxis zu verknüpfen. Das ist nicht selbstverständlich. Ich hatte dabei das große Glück, dass mein direktes Umfeld an der Uni eine große Fußballaffinität aufweist, so dass ich meine Abschlussarbeit mit diesem Thema verwirklichen konnte. Dafür bin ich sehr dankbar.

SSV: Du hast Dich also intensiv mit der Torspielerposition in Deiner Bachelorarbeit beschäftigt. Welche konkrete Problemstellung hast Du denn dabei näher beleuchtet?

Jäger: Der Titel meiner Arbeit lautet: Eine Analyse von fußballtorhüterspezifischen Spielaktionen im U17-Leistungsbereich. Das klingt sehr komplex, im Grunde ging es dabei um zwei Aspekte. Zum einen wollte ich schauen, wie häufig Aktionen des Torspielers, egal in welcher Form, innerhalb eines Spiels auftreten können. Zum anderen wollte ich sehen, welche Fehler dabei auftreten können. Jeder Spieler macht auf jeder Position seine Fehler, das ist ja auch normal. Die Ursprünge dieser Defizite wollte ich jedoch auf der Position des Torspielers noch näher untersuchen. Dazu habe ich mit meinem Betreuer Fehlerquellen definiert, die wir uns dann in den Spielen nochmals näher angeschaut haben. Leider gibt es bislang sehr wenige wissenschaftliche Studien über den Torspieler im Jugendbereich. Deshalb hatte ich mich ausschließlich auf U17-Torspieler konzentriert. Wir haben dann einen Auswertungsbogen entworfen, anhand dessen wir über zehn Spiele hinweg Torspieler aus den höchsten beiden deutschen Spielklassen quantitativ und qualitativ analysierten. Daraus konnten wir festhalten, welche Spielaktionen wie häufig auftreten und in welcher Frequenz Fehlerquellen dabei zu beobachten sind.

SSV: Welche Erkenntnisse konntest Du dabei gewinnen? Konntest Du dabei auch die U17-Spiele des SSV anschauen?

Jäger: Leider nein. Aufgrund der Corona-Situation mussten wir auf Videomaterial zur Analyse zurückgreifen. Da haben wir uns auf Videos zweier anderer Mannschaften gestützt. Zehn Spiele haben wir dabei ausgewertet. Mit dem großen Wort Erkenntnisse muss man etwas vorsichtig sein, weil wir ja eben nur zehn Spiele analysiert haben und somit keine allgemeingültigen Aussagen treffen können. Spannend wird aber sein, ob wir den Trend, welchen wir in der Bachelorarbeit ermittelt haben, in der Analyse unserer Mannschaften beim SSV bestätigen können. Ebenfalls bietet dies die Möglichkeit der Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Altersstufen, was ein noch klareres Anforderungsprofil schafft. Langfristig wollen wir diese Analyse in allen SSV-Mannschaften anwenden.

Was die Ergebnisse betrifft haben wir herausgefunden, dass ein Torspieler etwa 60 Mal in einem Spiel aktiv eingreift. Dieser hohe Wert betont nochmals, dass der Torspieler immer mehr in das Spiel integriert wird. Neben dem klassischen Abfangen von Flanken und Entschärfen von Schüssen konnte ich ebenfalls feststellen, dass ca. 80 Prozent aller Aktionen im Offensivspiel stattfinden, z.B. in den Bereichen des Mitspielens, in der Spieleröffnung oder bei Abschlägen und Abwürfen. Außerdem konnten wir herausfinden, dass sich der Analysebogen als gültiges Hilfsmittel nutzen lässt, weil er die Fülle an Aktionen eines Torspielers gut erfasst. Diese vorläufigen Erkenntnisse lassen sich auf den Jugendbereich des SSV super reflektieren und sollen perspektivisch auch in den verschiedenen Altersstufen zur Anwendung kommen. In der ersten Mannschaft wurden in der Hinrunde schon Analysen durchgeführt.

SSV: Wie läuft denn eine solche Spielanalyse konkret ab, wenn Du sie auf Spiele unserer Mannschaften anwendest?

Jäger: Grundsätzlich ist diese Analyse in drei Schritte gegliedert. Zuerst kommt die Vorbereitung, in der man alles so aufstellt und zurechtlegt, dass im Spiel der Aufwand möglichst gering gehalten wird. Dabei arbeite ich mit zwei Kameraperspektiven. Einmal aus der Totalen und zum anderen mit einer Hintertorperspektive, die explizit zur Identifizierung von definierten Fehlerquellen dient. Ich befinde mich dann meistens auf der Tribüne und registriere die einzelnen Aktionen des Torspielers. Dazu muss ich sehr wachsam sein und jede Beteiligung unseres Torspielers erkennen. Im Anschluss erfolgt noch ein Abgleich meiner Registrierungen durch Sichtung des Spielvideos. Die erhobenen Daten werden anschließend in ein Dokument exportiert, das den Spielern zur Videoanalyse in der Trainingswoche vorgelegt wird. Aus diesem geht hervor, wie oft Aktionen in den entsprechenden Torspielertechniken durchgeführt wurden, wie viele davon fehleranfällig waren und aus welchen Zonen Schüsse oder Flanken auf das Tor kamen. Wir können den Jungs dann aufzeigen: Du hattest aus dem und dem Winkel so und so viele Schüsse und davon waren so und so viele fehleranfällig. So gewinnen wir einen sehr detaillierten Einblick in das Torhüterspiel und können daraus auch Erkenntnisse für die Trainingsarbeit ziehen, um noch präziser und effektiver in der Praxis an Defiziten arbeiten zu können.

SSV: Wie siehst Du denn diese Arbeit in der Zukunft beim SSV? Zum einen ist die Analyse natürlich sehr aufwendig, zum anderen hat man vielleicht nicht immer alle Mittel zur Verfügung, z.B. die Totale. Auf fremden Plätzen oder im Jugendbereich gibt es ja nicht immer die Möglichkeit, so tief in die Analyse zu gehen. Wie kannst Du Dir eine solche Analyse gerade im Amateurbereich vorstellen, welches Knowhow ist dazu erforderlich und wie ist das umzusetzen?

Jäger: Im Grunde erfordert die Umsetzung sehr viel Fleiß und Schreibarbeit. Davon wollen wir uns beim SSV zunehmend entfernen und arbeiten zusammen mit Jo Noll daran, Torspieleraktionen mittels künstlicher Intelligenz zu erfassen. Dann muss man nicht mehr auf der Tribüne sitzen, Strichlisten führen, überlegen, aus welcher Zone der Schuss nun genau kam usw. Bis dahin ist es jedoch noch ein sehr weiter Weg, aber unser Ziel ist es schon, am Spieltag selbst so wenig wie möglich damit arbeiten zu müssen, sondern den Analysebogen mittels einer Software automatisiert laufen zu lassen.

Wie bereits angesprochen, ist es bei Auswärtsspielen nicht immer so leicht umsetzbar. Wir greifen dann eben auf die uns zur Verfügung stehenden Mittel zurück und schauen, dass wir zumindest eine Hintertorkamera aufstellen können. Die Totale ersetze ich dann durch das händische Protokoll von einem möglichst etwas höher gelegenen Beobachtungspunkt, also quasi “oldschool”. Trotzdem sind wir natürlich bestrebt, hier über eine zweite Perspektive dann auch bei Auswärtsspielen neue Wege zu gehen.

SSV: Vielen Dank Johannes für die spannenden Einblicke! Alles Gute für Deine weitere Arbeit.

Jäger: Ich bedanke mich für die Möglichkeit, dass ich hier etwas über die ersten Ansätze unserer Analyse im Torspielerbereich erzählen durfte.

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